We love infographics

von Ch. Rochelt

Abb. 1: Interaktive Statistik in 3D: Hans Rosling – Experte für internationale Gesundheit – macht uns Hoffnung auf eine bessere Welt.


Infografiken soweit das Auge reicht: sie tummeln sich nicht nur in TV und Print, auch das Web scheint nicht mehr ohne sie auszukommen. Vom verstaubten Diagramm zum hippen Blickfang – doch wem verdankt die Informationsgrafik ihren Aufstieg vom Mauerblümchen zum ”Rising Star“ des Grafik Design? Ist es die Datenexplosion des letzten Jahrzehnts – nicht zuletzt durch Web 2.0 verursacht – oder sind es die „Chart Wars“ der US-Präsidentschaftswahl 2008, die erst die Aufmerksamkeit auf sie lenkten? Was ist Infografik-Spam? Und was verdient überhaupt den Namen Infografik?

Information ist Macht. Die überwältigende Informationsflut, der wir täglich ausgesetzt sind, muss  entsprechend –  und ansprechend – analysiert und aufbereitet werden. Nichts eignet sich dazu besser als die Infografik: sie vermittelt komplexe Ideen und visualisiert Beziehungen und Zusammenhänge in komprimierter Form. Und sie erzählt eine Geschichte.

Informationsgrafik oder kurz Infografik, ist – vereinfacht gesagt – ein Kommunikationsmittel zur Darstellung von Informationen mit Hilfe von grafischen Mitteln.

Die Visualisierung von Daten ist nicht neu. Schon die ersten Höhlenmalereien könnten als Anleitung zu Jagdtechniken gesehen werden und somit als Informationsvisualisierung. Als massenwirksame Kommunikationsform wurde sie zuerst im Fernsehen und spätestens seit den 80er Jahren auch in Zeitungen und Magazinen eingesetzt. Ist der Infografik-Boom im Internet nur eine logische Folge?

Des einen Datenmüll ist des anderen Inspiration und dem Dritten gerade recht als Fundgrube zur Trendanalyse. Noch nie waren so viele Daten öffentlich verfügbar und so viele Tools zu deren  Auswertung. 2005 machte Hans Rosling, Gründer von Gapminder, Furore mit der Präsentation des „moving bubble chart“ , einem animierten Diagramm, das sozialöknomische Trends veranschaulicht. Dahinter steckt die Software Trendalyzer, die 2007 von Google übernommen wurde.

Infovistools sind inzwischen reichlich vorhanden und das sogar gratis: mit Google‘s Visualization API kann jedermann/frau Diagramme erstellen, einbinden und weiterverbreiten. Auch der Journalismus 2.0 hat längst die Wirkung von Infografiken erkannt und der Umgang mit Datenvisualisierung gehört inzwischen zum Know-How. Wie Studien belegen, erhöhen Infografiken den Leseanreiz. Sie heben einen Artikel hervor und geben den präsentierten Daten zudem einen wissenschaftlichen Anstrich.

Infografiken können auch als wirksames Mittel zur Meinungslenkung verwendet werden. Ein Aspekt der auch 2008, bei den US-Präsidentschaftswahlen mit den legendären ”Chart Wars“ eine Rolle gespielt haben mag. Vielfach wird dieser Wahlkampf auch als Beginn des aufflammenden Interesses für Informationsgrafik zitiert. Sieht man sich das von ”Google Insights“ erzeugte Diagramm zur Häufigkeit des Suchbegriffes ”infographics“ im zeitlichen Verlauf an, so scheint diese Erklärung durchwegs plausibel.

 

Vielleicht ist aber auch ein ganz anderer Umstand schuld am plötzlichen Infografik-Hype: Infografiken sind ein sehr effektives Tool um den Google Pagerank zu erhöhen. Eine publikumswirksame Infografik, die zum Teilen auf Facebook und Blogs animiert und mit den entsprechenden Keywords versehen ist, wirkt wahre Wunder. Wird sie zudem auf Digg, Stumbleupon oder Reddit gepostet und gelangt mit etwas „nachbarschaftlicher Netzwerkhilfe“ auf die Digg-Startseite so bleibt der Erfolg nicht aus. Das haben natürlich auch SEO-Experten längst erkannt. So manche nichtssagende Infografik ist oft nichts anderes als Infografik-Spam.

Infografik-Spam: Publikumswirksame Aufmacher – als Informationsgrafiken getarnt – sind ein effizientes Mittel um den Google-Pagerank zu erhöhen.

Die unerschöplichen Datenquellen inspirieren auch die Kunst- und Designszene und so entstehen Datenvisualisierungen ganz anderer Art: von pulsierenden Tweetströmen bei Nacht bis zu schneebedeckten Berggipfeln, die Börsenindices repräsentieren. Alles scheint möglich. Der Imagewechsel von der seriösen, durchdachten Datenvisualisierung zum Eye-Catcher ist nicht überall gerngesehen. „Visualisierungen um der Visualisierung willen“ sind vielen altgedienten Profis der Datenvisualisierung ein Dorn im Auge. Sie fürchten eine Diskreditierung der Branche.
Da werden billige, klickheischende Infoteaser schon auch mal mit Datenkunst in einen Topf geworfen. Die hitzigen Diskussionen drehen sich denn auch meist um Definitionen, Kategorisierungen und Abgrenzungen. Gibt es Grenzen der Dateninterpretation und wenn ja, wo liegen sie? „The purpose of visualization is insight, not pictures“, so urteilen Card, Mackinlay und Shneiderman (1999, p. 6).

Eye-Candy oder Infografik?

”The purpose of visualization is insight, not pictures”

(Card et al. 1999, p. 6).

Vielleicht aber vermitteln diese Formen der Datenvisualisierungen einfach nur Erkenntnisse anderer Art, „erzählen die Geschichte“ aus einem anderen Blickwinkel.
Visualisierung bleibt letztlich immer nur eine Sache der Interpretation.

 

Quellen

Allen, S. (2010). Data Visualization. Zugriff am 28. Jänner 2011 unter http://interactiondesign.sva.edu/classes/datavisualization/2010/07/08/introduction/
Card, S., J. Mackinlay, B. Shneiderman (1999). Readings in Information Visualization: Using Vision to Think. San Francisco: Morgan Kaufmann Publishers.
Jansen A., W. Scharfe (1999). Handbuch der Infografik: Visuelle Information in Publizistik, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Berlin: Springer-Verlag.
Kosara, R. (2010). The Visualization Cargo Cult. Zugriff am 28. Jänner 2011 unter http://eagereyes.org/criticism/the-visualization-cargo-cult
Lima, M. (2009). Information Visualization Manifesto. Zugriff am 28. Jänner 2011 unter http://www.visualcomplexity.com/vc/blog/?p=644
Scheuermeyer, T. (2009). Interaktive Informationsgrafiken. Analyse, Trends und Umsetzung am Beispiel der Fernsehübertragung von Sender zu Empfänger.
Bachelorarbeit, Stuttgart: Fachhochschule Stuttgart, Hochschule der Medien.
http://datajournalism.stanford.edu/
http://www.gapminder.org/

Abb. 1: BBC Four, http://www.youtube.com/watch?v=jbkSRLYSojo [Zugriff am 29. Jänner 2011]
Teaserbild: Najjar, M., http://www.michaelnajjar.com/ [Zugriff am 29. Jänner 2011]

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