Timelines: Geschichte(n) erzählen

Datenvisualisierung mit Timelines
von Ch. Rochelt

BBC Timeline

Abb.1: BritishHistory Timeline, BBC (Collage )

Wer entwarf die erste moderne Timeline? Warum verwenden wir sie? Welche Möglichkeiten bieten dynamische, interaktive Timelines und wie sieht ihre Anwendung im Netz aus? Was kann die Timeline der Zukunft? Fragen, die dieser Artikel zu beantworten versucht.

„Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time is unredeemable“.

T. S. Elliot, „Burnt Norton,“ The Four Quartets

Zeit ist – so wie Raum – eines der unerklärbaren Mysterien des Menschen. Sie entzieht sich unserer unerschöpflichen Definitionswut und lässt sich nicht eindeutig festlegen. Einzig, dass sie vergeht, scheint uns gewiss. Zeit wird auf viele Arten dargestellt: die Zeiger einer Uhr oder Spirale heben den zyklischen Charakter von Zeit hervor. Kalender wiederum verwenden eine lineare Zeitdarstellung. Die Darstellung von Zeit ist auch ein Spiegel ihrer Zeit und Kultur: In der Antike Griechenlands überwogen kreisförmige Darstellungen, im Judentum und Christentum das lineare Konzept von Zeit.

„As the physicist Arthur Eddington put it, the universe is not so much like a vast machine as like a vast thought.
And Time is the milieu of that thought“.

Frederick Turner, „A Brief Explanation of Time“

Obwohl Zeit eine Abstraktion ist und keineswegs als linear bezeichnet werden kann, ist die Timeline oder Zeitleiste eine der am häufigsten verwendeten Zeitvisualisierungen. Warum erklärt Joseph Priestley, ein Pionier der Timeline, so:
„Priestley himself argued that although time in itself is an abstraction that may not be, the object of any of our senses, and no image can properly be made of it, yet because it has a relation to quantity, and we can say a greater or less space of time, it admits of a natural and easy representation in our minds by the idea of a measurable space, and particularly that of a LINE‘“ (Rosenberg 2005, p. 283).

Was sind Timelines oder Zeitleisten?

„A timeline is an atlas of history, a map of events in time. We use timelines for some of the same reasons we use geographical maps: to locate an event in time, as we would locate a city on a geographical map“

(Kullberg 1995, p. 7).

Zeit gibt uns einen Rahmen, in den wir Ereignisse stellen und ihnen so eine Bedeutung geben. Timelines sind ein praktisches und effizientes Hilfsmittel um diese Ereignisse zeitlich darzustellen, mit anderen Ereignissen zu vergleichen und sie in ihrem Kontext zu sehen – und zu verstehen.

In einer Timeline werden Ereignisse in chronologischer Reigenfolge entlang einer Zeitachse ausgerichtet. Diese kann horizontal, vertikal, spiral- oder kreisförmig sein, oder einer pfadähnlichen, geschwungenen Linie folgen. In den meisten Fällen ist die Zeitachse jedoch horizontal entlang der jeweiligen Leserichtung ausgerichtet; in unserem Sprachraum also von links nach rechts.
Die meisten Timelines sind zweidimensional (Thema und Zeit), manche Anwendungen integrieren auch zusätzliche Dimensionen wie z.B. Ort oder Raum.

 

Warum verwenden wir Timelines?

“Visual perception and effective thinking are intimately connected. This is why so many of the terms that we use to describe thinking and understanding use visual metaphors, such as ‘I see’”

(Few 2007, p. 2).

Timelines ermöglichen eine schnelle Übersicht von zeitbezogenen Daten und sind ein effizientes Mittel um Zusammenhänge zwischen Ereignissen zu erkennen und Verbindungen herzustellen. Sie eignen sich auch hervorragend für interdisziplinäres Arbeiten. Um Ereignisse verstehen zu können, müssen wir sie im Kontext anderer Ereignisse ihrer Zeit sehen.

 

Historische Beispiele

Carte chronologique

Abb. 2: Die „Carte chronologique“ von Jacques Barbeu-Dubourg

Die erste moderne Timeline, die „Carte chronologique“ – 1753 von Jacques Barbeu-Dubourg angefertigt – fasste die Geschichte der Menschheit nach Themen geordnet in einer 16,5 m langen Zeitleiste zusammen. Der Einfachheit halber war sie auf zwei Rollen montiert und konnte so händisch abgerollt werden um den jeweiligen Zeitausschnitt zu betrachten.Nicht unähnlich dem Konzept der heutigen digitalen Timelines.

 


Abb. 3: Der „Chart of Biography“ von Joseph Priestley

Wenig später – 1765 – entwarf Joseph Priestley den „Chart of Biography”. Als Erster benutzte er Balken über einer Zeitachse um die sich überlappenden Lebensspannen von herausragenden Personen der Geschichte abzubilden.
Eine der herausragendsten Timelines wurde von Charles Joseph Minard 1869 angefertigt: sie illustriert die Dezimierung der Armee Napoleons während des russischen Feldzugs 1812 hinsichtlich Ort, Zeit und Temperatur. Nach Edward Tufte „die vielleicht beste statistische Grafik, die je gezeichnet wurde“ (2001, p. 40).

 

Abb. 4: Napoleons Marsch nach Moskau (Charles J. Minard 1869)

 

Vorteile von interaktiven Timelines

Der Informationsgehalt herkömmlicher Print-Timelines ist naturgemäß beschränkt. Dynamische und interaktive Timelines bieten da bedeutend mehr Möglichkeiten: Sie ermöglichen das Filtern von Ereignissen nach definierten Kriterien, die parallele Auswahl mehrerer Timelines, Zoom-Werkzeugen erlauben eine flexible Zeitskala und Detailinformation können auf Wunsch per Hover oder Klick auf einen Link angezeigt werden. Durch Datenbankabfragen „on-demand“ können auch sehr große Datenmengen visualisiert werden. Auch eine parallele Informationsvermittlung auf nicht-visueller Ebene ist möglich: z.B. die Kommunikation von qualitativen Attributen über die Tonebene und die Vermittlung von quantitativen Informationen als Grafik.
Der Aufbau der meisten Timelines folgt Shneiderman’s Mantra zur Informationssuche: „Overview first, zoom and filter, then details-on-demand“ (2003, p. 365).

„Overview first,
zoom and filter,
then details-on-demand“.

Ben Shneiderman

 

Anwendungsgebiete und Beispiele

Timelines sind ein beliebtes Visualisierungstool für zeitbezogene Daten, das sowohl zur Präsentation als auch zur Analyse von Daten verwendet wird. Dazu zählen nicht nur historische sondern z.B. auch medizinische Daten (Beispiel: Life- Lines, eine Software zur Visualisierung der Krankengeschichte von Patienten). Auch im Projekt- oder Timemanagement werden Timelines verwendet. Die hier aufgelisteten Beispiele beanspruchen keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie bieten vielmehr einen kleinen Überblick über die Anwendungsgebiete heutiger web-basierter Timelines, die historische Daten visualisieren und die ihnen zugrundeliegende Software.

 

Die BBC British History Timeline

Abb. 5: British History Timeline, BBC

Die Geschichte Großbritanniens vom Neolithikum bis 2005 in ansprechendem Design ist ein optisch sehr gelungenes Beispiel einer Flash-Timeline. Die Benutzeroberfläche besticht durch intuitive Bedienbarkeit: zwei Zeitleisten, Zoom- und Suchfunktion sowie eine Auswahlmöglichkeit nach Regionen sind vorhanden. Eine Gesamtübersicht ist allerdings – wohl aus Platzgründen – nicht gegeben. Die einzelnen Events sind erst bei Mouseover sichtbar, mit Mouseklick kommt man zur Detailansicht, die auch externe Links zum Thema auflistet. Das wechselnde Hintergrundbild vermittelt unaufdringlich die Hauptthemen der jeweiligen Epoche. Die Farbcodierung der einzelnen Epochen wird auch in der Übersichtstimeline links unten weitergeführt. Allerdings beeinträchtigt dies etwas die Wahrnehmungder Verteilung bzw. Häufung von Ereignissen, die in Weiß gehalten sind. Wer geführte Touren bevorzugt, kann sich auch auf Zeitreise nach vorgegebenen Themen begeben.

 

SIMILE Timeline

Abb. 6: Compact Painter: SIMILE Timeline mit Thumbnails

Laut André, Wilson, Russell, Smith, Owens und Schraefel (2007) ist Simile eines der ausgereiftesten und weitverbreitetsten Timeline Visualisierungstools im Web. Das AJAX-Widget wurde am MIT (Massachusetts Institute of Technology) entwickelt. SIMILE Timeline ist Open Source und kann einfach via Javascript und HTML eingebunden werden. Als Datenquellen können XML, JSON oder SPARQL verwendet werden. SIMILE Timeline wird inzwischen auch als Plugin für diverse CMS-Systeme wie z.B. Contao oder WordPress angeboten.
Die Timeline besteht aus zwei synchronen Zeitbändern für ein effizientes Navigieren per Mouse-Drag. Die Einrichtung von Hot Zones ermöglicht einen Zoom- Effekt für ereignisreiche Zeitspannen. Eine Filterung der Daten via Auswahl- oder Suchbox ist ebenfalls implementierbar sowie das Zuschalten und Farbcodieren zusätzlicher Timelines. Nachteilig: lange Ladezeiten bei einer großen Anzahl an Events; SIMILE Timeline wurde nicht für große Datenmengen konzipiert. Optisch lässt die Timeline einiges zu wünschen übrig, das Interface lässt sich jedoch via Javascript anpassen. Mit der Compact Painter Version lassen sich auch Thumbnails in die Timeline integrieren.

Neben der Timeline selbst gibt es noch einige andere interessante SIMILE Projekte wie Timeplot zur Darstellung von zeitbasierten Serien in einem Graphen oder Exhibit, das Such- und Filterfunktionalitäten für strukturierten Daten mit interaktiven Karten und Timelines kombiniert.
Timemap ist eine Javascript-Bibliothek, die SIMILE Timeline mit Online Maps wie Google, OpenLayers und Bing verbindet.
Sie ermöglicht so auch die geografische Darstellung von Ereignissen.

Continuum

Entwickelt an der University of Southampton ermöglicht Continuum die Präsentation und Erforschung hierarchischer Beziehungen in zeitbezogenen Daten. Zwischen einzelnen Events können Beziehungen über Perioden hinweg hergestellt werden. Die Slider rechts kontrollieren den Detaillevel der einzelnen Aspekte der Daten unabhängig voneinander.

Durch die Nutzung von Histogrammen und Detail Controllern kann Continuum weitaus größere Datensätze verarbeiten als z.B. SIMILE Timeline. Leider ist Continuum nicht oder noch nicht als Open Source Software erhältlich. Ein Video auf der Projektwebsite demonstriert jedoch schon einmal den Einsatz: Continuum Video

 

Neue Ansätze zur Visualisierung von Geschichte

Web 2.0 geht auch nicht an Timelines-Applikationen vorbei und so sehen wir die Entwicklung erster user-generierter History-Timelines:

MakeHistory

Abb. 8: MakeHistory: Kollaborative Aufarbeitung von 9/11

MakeHistory kann als eine kollektive Aufarbeitung von September 11th betrachtet werden. Die Flash-Applikation, ist eine user-generierte Sammlung von persönlichen Fotos, Videos und Erlebnisberichten zum 11. September. Navigiert werden kann auch mittels Timeline und geografischer Karte. Der Fokus liegt jedoch auf den einzelnen Stories: Bilder und Videos vermitteln eindrucksvoll das Ausmaß und die Auswirkungen der Katastrophe über den gesamten Tag hinweg. MakeHistory wurde für das National September 11 Memorial and Museum entwickelt.

 

Historypin

Abb. 9 Historypin: Geschichte zum Selbermachen

verbindet benutzergenerierten Content mit GIS-Daten: Historische Fotos und die dazugehörige(n) Geschichte(n) werden in Google Street View integriert und können mittels einer Timeline zeitlich eingegrenzt angezeigt und kommentiert werden. Auch eine Suchfunktion (nach Ort oder Institution) ist verfügbar. Hier steht eindeutig die geografische Komponente im Vordergrund, die Timeline spielt als Zeitfilterungsoption eine untergeordnete Rolle. Historypin ist Teil einer Projektserie der „We Are What We Do“ Kampagne, die sich dem Generationsaustausch verschrieben hat. Noch ist die Auswahl etwas dürftig, aber wie sich der Website entnehmen lässt, hofft Historypin „eines der weltgrößten user-generierten Archive für historische Bilder und Geschichten zu werden.“

History goes mobile

Abb. 10 Zeitreise mit Streetmuseum

Einen Schritt weiter geht Streetmuseum, eine freie iPhone Anwendung des Museum of London, allerdings nicht mit benutzergenerierten Inhalten.
“Augmented reality” ist ein hervorragendes Tool um Geschichte eindrucksvoll und hautnah zu erleben. Streetmuseum erlaubt uns eine außergewöhnliche Zeitreise vor Ort zu unternehmen. Die Anwendung vereint bekannte Konzepte, wie das Überlagern aktueller Fotos mit historischen Aufnahmen (siehe Flickr‘s „Looking in the Past“ Projekt), mit den neuesten Mobil-Technologien: Augmented Reality und LBS (Location based services). Historische Aufnahmen werden als Pins an den jeweiligen Orten in Google Maps angezeigt. Ein Klick öffnet Fotos und Informationen zur Aufnahme. Soweit so gut. Befindet man sich aber direkt vor Ort kann man den „3D view“ Modus verwenden: das historische Bild überlagert das aktuelle Bild der eingebauten iPhone-Kamera und liefert eine eindrucksvolle Collage von Vergangenheit und Gegenwart. Der Streetmuseum-Applikation fehlt nur eines: die Timeline.

Fazit

Die Anwendungsbereiche für interaktive History-Timelines sind vielseitig: neben Applikationen für Museen, Tourismus und NGOs liegt der Einsatz im Bildungsbereich als Vermittlungstool eigentlich auf der Hand. Aber auch zur Erkenntnisbildung und für interdisziplinäres Arbeiten sind Timelines hervorragend geeignet. Tools wie History Pin zeigen die Möglichkeiten des kollaborativen Erarbeitens
von Geschichte. Umso mehr überrascht es, dass diese von öffentlichen Bildungsinstitutionen wie Schulen, Universitäten etc. – zumindest im deutschsprachigen Raum – nicht im entsprechenden Ausmaß genutzt werden. Aktuelle Visualisierungen geschichtlicher Daten verwenden neben der Zeit als Navigationskomponente auch immer häufiger geografische Karten. Nicht nur interessant für den Tourismusbereich sind auch kommende mobile Anwendungen, die Timelines mit GIS-Informationen verknüpfen. Man darf gespannt sein welche Dimensionen die Timelines der Zukunft in sich vereinen.

Links:

British History Timeline
SIMILE Timeline
Valie Export (SIMILE Timeline in TYPO3)
Continuum
MakeHistory
Historypin
London Streetmuseum

 

Quellenangaben:

André, P., M. L. Wilson, A. Russell, D. A. Smith, A. Owens, and M.C. Schraefel (2007). Continuum: designing timelines for hierarchies, relationships and scale. Zugriff: am 18. Jänner 2011 unter http://eprints.ecs.soton.ac.uk/id/eprint/13818
Few, S. (2007). Visualizing Change: An Innovation in Time-Series Analysis. Zugriff am 20. Jänner 2010 unter: http://www.perceptualedge.com/articles/visual_business_intelligence/visualizing_change.pdf
Friendly, Michael (2001), Timelines and Visual Histories, Zugriff: am 18. Jänner 2011 unter http://www.math.yorku.ca/SCS/Gallery/timelines.html
Kullberg, R.L. (1995). Dynamic Timelines: Visualizing Historical Information in Three Dimensions. M.S. Thesis, Cambridge: Massachusetts Institute of Technology, School of Architecture and Planning.
Rosenberg, D. (2005). The Trouble with Timelines. In: D. Rosenberg & S. Harding (eds.). Histories of the Future. Durham: Duke University Press. pp. 283-285.
Shneiderman, B. (2003). The Eyes Have It: A Task by Data Type Taxonomy for Information Visualizations. In: B. B. Bederson, B. Shneiderman (eds.). The Craft of Information
Visualization: Readings and Reflections (Interactive Technologies). San Francisco: Morgan Kaufmann Publishers. pp. 364-371.
Tufte, E. R. (2001). The Visual Display of Quantitative Information (2.Aufl.). Cheshire: Graphics Press.
http://www.creativereview.co.uk/cr-blog/2010/may/streetmuseum-app [Zugriff am 21. Jänner 2010]
http://www.flickr.com/groups/lookingintothepast/ [Zugriff am 21. Jänner 2010]
http://www.respiro.org/Issue21/Non_fiction/non_fiction_turner.htm [Zugriff am 21. Jänner 2010]

 

Bildquellen:

Abb. 1: URL: http://www.bbc.co.uk/history/interactive/timelines/british/index_embed.shtml [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 2-4: URL: http://www.math.yorku.ca/SCS/Gallery/timelines.html [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 5: URL: http://www.bbc.co.uk/history/interactive/timelines/british/index_embed.shtml [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 6: URL: http://www.simile-widgets.org/timeline/examples/compact-painter/compactpainter.html [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 7: URL: http://eprints.ecs.soton.ac.uk/13818/4/ [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 8: URL: http://makehistory.national911memorial.org/ [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 9: URL: http://www.historypin.com/ [Zugriff am 21. Jänner 2010]
Abb. 10: URL: http://www.creativereview.co.uk/cr-blog/2010/may/streetmuseum-app [Zugriff am 21. Jänner 2010]

Back to Top